Wörter
Gab es nicht so viele. Und die, die es gab, mochte man nicht. Immer die selben Phrasen. Es machte keinen Spaß, eine Zeitung aufzuschlagen, einen DDR-Radiosender einzuschalten oder DDR-Fersehen zu sehen. Bis auf die wenigen Ausnahmen. Eulenspiegel, Wochenpost, DT 64, manchmal - und die Sendung "Luftfracht". Das hieß, es kam Musik von weit her. Gemeint waren die Hits aus dem Westen und die konnte man dann mit seinem Recorder aufnehmen, wenn man sonst kein Westradio empfing. In den Betrieben, Schulen oder bei der Armee mussten die Senderskalen auf den Radios mit kleinen Strichen gekennzeichnet sein. Nur hinter diesen Strichen durfte der Senderanzeiger stehen. Wenn er nicht dort stand, bestand die Gefahr, dass ein "Feind" –oder "Störsender" eingestellt war. Und das hieß: Sabotage und die Konterrevolution waren nicht weit. Trostreich für den, der einmal etwas anderes in sein Hirn bekommen wollte, waren manche Bücher. Besonders die, die mit einer Lizenz aus dem Westen gedruckt wurden. Da ergab es sich, dass durch manche Geschichten mehr gesagt wurde, als man sich hier je zu denken wagte. Der Verlag Volk und Welt, wie der Name schon sagt, dass er das Volk mit der Welt verbinden wollte, machte sich da besonders viel Ehre. Manchmal war ein junger ausgehungerter Liebhaber der Literatur regelrecht auf der Suche nach neuen Wörtern und Geschichten. Er streifte durch alle Buchläden und Antiquariate. Und wenn er nichts fand, trank er ein, zwei Flaschen Rotwein, um wenigstens seine Wörter im Kopf durcheinander zu bringen und sich daran zu brauschen und zu erfreuen. Wenn er großes Glück hatte, wurde gerade eine Palette neuer, interessanter Bücher in den Laden geschoben. Just in dem trübseligen Moment, als er gehen wollte. Darauf lagen z.B. Erich Frieds Briefe und Tagebücher. Und der Tag wandelte sich zu einem Festtag. Teuer waren die Bücher nicht. Vielleicht 15 Mark. Wenige teurer, die meisten billiger. Und dafür konnte man entschwinden. Dem ganzen Land, dem ganzen Stumpfsinn, dem ganzen nie Gesagten. Auch Bücher können eine Droge sein.Mit der Zeit entwickelte sich auch ein ganz eigener Westpaket-Verkehr. Das normale Westpaket von Tante Erna an Ostern und Weihnachten, was im Osten zu Ostern und zu Weihnachten hieß, enthielt Kakao, Jeans, Kaffee, ein paar Zutaten für die Stolle, die es nicht gab und etwas gute Schokolade. Das neue Westpaket vom Intellektuellen für den Intellektuellen enthielt ein Buch. Am besten gut getarnt durch ein paar Strümpfe. Und für dieses Buch bekam der Absender ein anderes Buch. Ein gutes Buch aus dem Osten, ein Bildband oder „Krieg und Frieden“, nagelneu. Bücher die im Westen wesentlich zu teuer gewesen wären. So kam die Suhrkamp Bibliothek in den Osten. Roland Barthes oder Habermas, Sartre oder Freud und dafür ging Wilhelm Frängers Hyronimus Bosch oder maches wertvoll-antiquarisches rüber. Die Bücher, die im Osten ankamen wurden weiterverliehen, bis sie auseinander fielen. Wer viel las, konnte sich mit immer weniger Leuten unterhalten. Materialismus oder Idealismus? Wurde in der Schule gefragt. Die in der DDR die Macht hatten, entschieden: Materialismus. Das hieß, die Dinge und Zwänge sprechen. Das Haben. Gedankenkränkelei nützt niemandem. Gott ist Quatsch. Seele genau so. Entweder du hast, oder du hast nichts. Das sich das Leben vielleicht ebenso, wenn nicht so gar mehr, zwischen den Ohren als zwischen den Magenschleimhäuten abspielt, davon war nie die Rede. Worte waren zum befehlen da und nicht zum Denken. Das Denken konnte alles durcheinander bringen. Am Ende ist das Land an allem Unausgesprochenen und an allem nicht Gedachten erstickt. Als wir anfingen ehrlich miteinander zu reden, war es zu spät.
Autor: René Beder
Bild: aus der Ausstellung: Demokratie hier Eins – entzweit – wiedervereint, der Kunstschule Potsdam
Weiterführende Links:
Zeitungen aus der DDR:
Junge Welt (existiert heute noch)
Tageszeitungen in der DDR findest du bei Wikipedia
Fernsehen in der DDR:
regelmäßige Fernsehsendungen unter: www.ddr-wissen.de
eine der erfolgreichesten Filmproduktionsfirmen in der DDR die DEFA schau vorbei unter : www.defa-sternstunden.de
Radio in der DDR:
Deutsches Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg (DRB)
Deutsche Mugge - ohne Grenzen
Und morgen im Kalenderblatt 10: "Sex im Sozialismus"- uups was war denn da los?
